Steinsetzer und Ziegeler

Was haben Steinsetzer und Ziegeler gemeinsam? – Sie waren Migranten der Arbeit und wanderten ihrer Arbeit nach. Die einen fanden sie in unmittelbarer Nähe – die anderen mussten ihre Heimat verlassen. Ihre Geschichte wollen wir im Folgenden etwas genauer beleuchten.

Meister Bätjer beim Straßenbau in Gröpelingen 1902
Meister Bätjer beim Straßenbau in Gröpelingen 1902

Die Entstehung der Straßenmacher in Bremen ist eng verbunden mit der Pflicht der Bauern, die zur Stadt führenden Straßen zu unterhalten. Diese „Fron“ der Bauern wurde in einer Urkunde des Bischofs Albert von Bremen im Jahre 1387 niedergeschrieben. Dort heißt es: „Die Bauern von Arsten und Alleken sollen machen die Wurt zu beiden Seiten des Turmes zu Arsten und fortan den Heerweg durch das Dorf…“ Die Arster Heerstraße war eine Handelsstraße und damit lebenswichtige Verkehrsader der Stadt.

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Berend Wessels beim Straßenbau im Landgebiet um 1900

Die Bauern übertrugen diese Arbeiten Knechten, Landarbeitern und Häuslingen. Aber auch die Kötner waren zur Instandhaltung der Straßen verpflichtet. Einige spezialisierten sich auf diese Tätigkeit und vervollkommneten ihre Fertigkeiten soweit, dass sie schließlich von den Bauern nur noch für die Straßenpflasterungen eingesetzt wurden.

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1900 ca Chausseeleute Rammer vor Bierlokal Eduard Busch

Daraus entwickelte sich dann schließlich der eigene Beruf der Straßenmacher. Sie nannten sich Straßenmachermeister, erhielten Aufträge aus der Stadt und hatten jeweils einen Stamm von Straßenmachern zum Ausführen der Arbeiten um sich versammelt. Hierbei ist zu erwähnen, dass es sich nicht um Meister im Sinne von Handwerksmeistern handelte, die ihren Titel durch Prüfung in ihrer Innung erworben hatten. Sie nannten sich einfach Meister und wurden auch so von den Straßenmachern anerkannt. Im Bremer Adressbuch waren 1884 für Arsten 67 Einwohner mit der Berufsbezeichnung Straßenmacher und vier Straßenmachermeister angegeben. Weitere Arster waren als Erd- und Hilfsarbeiter im Straßenbau tätig.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zur Gründung der Straßenmacher-Firmen. Die Stadt wollte wohl eher mit Firmen anstatt mit Privatpersonen zusammenarbeiten, um so eine größere Sicherheit für die Übernahme der Straßenbauarbeiten zu haben. Hinzu kam, dass 1817 den Landgemeinden die Unterhaltungspflicht für die Heerstraßen abgenommen und in die Aufgabe der Stadt übernommen wurde. Die erste Straßenbau-Firma gründete im Jahr 1860 Meister Bätjer. Die Nachfolgerin, Firma Hermann Cassens GmbH, ist bis heute im Straßenbau tätig.

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Pflasterung des Domshofs durch Firma Bothe 1920er Jahre


Es folgten 1860 Gerke Wessels, 1874 Hinrich Bothe, 1888 Hinrich Busch und Berend Wessels. Diese ersten Straßenmacher-Firmen haben alle ihren Ursprung in Arsten und hatten hier ihren Firmensitz. Firma Hinrich Bothe und später Johann Bothe, deren Stammhaus sich in der Gastwirtschaft „Zur Börse“ befand, entwickelte sich mit der Zeit zur größten Straßenbaufirma in Bremen. Sie erhielt in den 1920er Jahren viele Großaufträge, wie die Pflasterung des Domshofs und des Marktplatzes. Nach dem 2. Weltkrieg war sie am Bau vieler großer Straßen und Plätze in Bremen beteiligt. 1907 ging aus der Firma Bothe die Firma Stehmeyer & Bischoff hervor, die in Habenhausen ihren Sitz hatte. Sie ist noch heute weit über Bremen hinaus im Straßenbau und anderen Bauprojekten aktiv.

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1900 ca Chausseeleute um Berend Bosse


Eine besondere Gruppe bildeten die Chausseeleute, die 1863 von Berend Bosse gegründet wurde. Sie pflasterten, wie ihr Name verrät, vorwiegend die großen Chausseen im Bremer Umland. Die Gruppe arbeitete auf Gegenseitigkeit, indem sie den Verdienst unter sich aufteilten. Die Chausseeleute gründeten Ende der 20er Jahre die „Hanseatische Straßen- und Tiefbaugesellschaft“, kurz Hanseaten genannt. Sie hat noch heute ihren Sitz in Arsten.

In Arsten wurden die Männer praktisch in den Steinsetzer-Beruf hineingeboren. Nach der Konfirmation und dem Ende der Schulzeit begannen die Jungen eine Lehre als Straßenmacher und blieben meistens bei einer der Arster Firmen. Hinrich Busch, ehemaliger Steinsetzer erinnerte sich: „Wir waren 18 Jungen in unserem Schuljahrgang 1916, davon haben 14 Steinsetzer gelernt.“

Die Arbeitsbedingungen

1899 war in Bremen die Arbeitszeit auf 10 Stunden täglich festgelegt, bei einem Stundenlohn von 38 bis 40 Pfennig. 1907 gehörte Bremen damit zu den Schlusslichtern unter den Großstädten. Die Arbeitsbedingungen der Straßenmacher waren hart. Die schweren Bordsteine wurden alle per Hand aufgeladen: 4 bis 5 Zentner mit zwei Mann. Das Pflastern auf den Knien oder in gebückter Haltung war eine starke körperliche Belastung. So blieb es nicht aus, das der Demijon zum ständigen Begleiter wurde. Das Einkehren in die Gastwirtschaft nach Arbeitsende und erst Recht nach der Lohnzahlung gehörte dazu. Gastwirtschaft Drücker am Arsterdamm war ein Stammlokal der Straßenmacher. Nicht gerade zur Freude der Frauen, die zu Hause in den Häuslingshäusern ihre Kinderschar hüteten oder beim Bauern helfen mussten.

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Verband der Steinsetzer–Filiale Bremen am 11.7.1911

Aber die Straßenmacher wehrten sich auch gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen. Sie legten die Arbeit nieder, erreichten 1887 durch einen 1 ½-tägigen Streik die Erhöhung des Tagelohns von 2,50 auf 3 Mark und gründeten 1888 ihren Steinsetzerverband. Dem Verband gehörten 1909 215 Mitglieder in Bremen an. Der erste Lohn-Tarifvertrag wurde 1910 mit den Arbeitgebern Hinrich Bätjer, Johann Bothe, Stehmeier u. Bischoff und Joh. Hinrich Wessels abgeschlossen.


Nach dem ersten Weltkrieg verbesserten sich die Verhältnisse. Die Steinsetzer gründeten Straßenbau-Genossenschaften, um sich unabhängig von den Straßenbaufirmen zu machen. Sie teilten den verdienten Erlös aus Aufträgen genossenschaftlich, sprich gleichmäßig untereinander auf. Eine dieser Genossenschaften existiert noch heute, die Brema. In der Nazizeit aufgelöst, wie alle Arbeiterorganisationen, wurde sie nach dem 2. Weltkrieg wieder gegründet.

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Gründer der Straßen und Tiefbau Genossenschaft „Brema“ vor dem Firmensitz in der Kornstraße 1920er Jahre


Hermann Budde (geb. 1900) berichtete: “Bei Stehmeier & Bischoff habe ich Steinsetzer gelernt – bis 1918. Dann habe ich 1 ½ Jahr bei der Ziegelei am Arsterdamm gearbeitet. Die ganzen jungen Leute waren damals alle arbeitslos. Zur Ziegelei sind sie gegangen, weil das was ausmachte wegen der Rente. Aber die Ziegeleiarbeit war ja nicht schön. Wir haben schwer gearbeitet: Lehm stechen und aufladen, Steine pressen und abschneiden, und die viele Schlepperei.“ 1921 konnte er bei Meister Bätjer (später Firma Cassens) wieder als Straßenmacher arbeiten: 44 Jahre bis zur Rente mit 65. Er hat in seinem Leben nicht nur mit Pflaster-, sondern auch mit Ziegelsteinen gearbeitet.


Die Arster Ziegeleien


„Die Anfänge des Ziegelns gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück. Im Jahre 1375 wird in einer Urkunde eine “zilkule” in der “Arsterbraak” erwähnt, um die es einen Streit gegeben hat. Die Arster Braak muß sich an der Korbwiese beim Korbhaus befunden haben. Vermutlich sind die Backsteine für die Kirche, die damals errichtet wurde, hier geziegelt und in Feldöfen gebrannt worden. Über Jahrhunderte blieb die Kirche der einzige Ziegelstein-Bau. Erst nachdem die Meier ihre Höfe freikaufen konnten, fingen sie an, sich Häuser aus Ziegelsteinen zu bauen. Damit begann die Entwicklung und der Aufschwung zahlreicher Ziegeleien in Arsten“,
schreibt Wilhelm Runge.

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Ziegelei Potthast Arsterdamm 1912

1828 beantragte der damalige Besitzer des Hemm, Georg Leonhardt die Erlaubnis zur Anlage einer Ziegelei auf dem Hemm. In der Nähe wuchsen im Brüggefelde ab 1871 gleich drei Ziegeleien aus der Erde. Auf der Riederhöhe entstand die von Johann Ahrens, im Brüggefelde die von Hermann Menke und gleich hinter der Landesgrenze (in Dreye) die von Hinrich Ahrens.

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274 Ziegelei Lübbin u Potthast um 1920

Am Arsterdamm gab es drei Ziegeleien: 1859 entstand die erste Ziegelei von Bollmann und Wurtmann in der Arster Feldmark. Ihr folgten zwei weitere am Arsterdamm. In den 70er Jahren erbaute Bauer Hinrich Bätjer eine Ziegelei, die später von Ebeling und Becker betrieben wurde. In den 1880er Jahren machte sich Ziegelmeister Christian Potthast selbstständig. Es war die letzte Ziegelei in Arsten, die 1958 ihren Betrieb einstellte.

„Die in der Ziegelei kasernierten Lipper fingen im Morgengrauen an zu arbeiten, machten eine Mittagspause und legten erst in der Schummerei das Handwerkszeug weg.“ So betrug ihre Arbeitszeit 13 ½ Stunden am Tag. Der Ton wurde im gewöhnlichen Tagebau abgegraben. Nach jedem Stich wurde der Ziegelspaten in einen Eimer Wasser gesteckt, um das Ankleben des Tons zu verhindern. Für gewöhnliche Backsteine verwendete man hier einen gelben Ton, der durch das Brennen und den Eisengehalt des Marschbodens rot wird. Falls er zu fett war, musste feiner Sand eingemischt werden – wie viel musste der Meister im Gefühl haben. Der gegrabene Ton wurde in großen Bottichen geknetet. Dann kam die fertige Masse zum Formen: dem Ziegelstreichen. Ein Streicher, unterstützt durch einen Handlanger, soll in der Lage gewesen sein, an einem Arbeitstage bis zu 1500 Rohlinge fertigzustellen. Auf dem Trockenbrett wurden die feucht geformten Rohlinge binnen 14 Tagen vor dem Brennen vollständig, aber vorsichtig, getrocknet, damit sie keine Risse bekamen. Zum Brennen wurden hier in Arsten meistens Ringöfen verwandt. Sie hatten eine Kapazität von 12000, aber auch von 24000 Steinen. Es dauerte 20 Tage, bis die Steine durchgebrannt waren. „Das Brennen war eine Kunst, bei der es mit dem Lernen allein nicht getan war. Diese Beschäftigung musste im Blut und im Gefühl stecken“, wie wir von Wilhelm Runge erfahren.

Agitation-unter-Ziegeleiarbeitern-BBZ-1906
Agitation unter Ziegeleiarbeitern BBZ

„Wenn die Lipper sich sonntags in den Wirtschaften sehen ließen, ihren Schnaps und ihr Bier tranken, wollten sie nachher auch am Tanzvergnügen teilnehmen. Die Arster Jungs wollten es sich aber nicht gefallen lassen, daß von den “Fremden” Arster Mädchen zum Tanz aufgefordert wurden. Es kam dadurch regelmäßig zu großen Prügeleien. Wenn solches in “Grothenn’s Etablissement” passiert war, fehlten am andern Morgen beim Nachbarn “Tölken Bauer” im Heck diverse Zaunlatten, mit denen das Handgemenge unterstrichen worden war“, schreibt Wilhelm Runge.